Burda bewegt
23.04.2020

30 Intensivbetten für 18 Millionen Einwohner

Malawi hat zum 20. März den Katastrophenzustand verhängt, seit 18. April gilt im ganzen Land ein kompletter Lockdown für zunächst 21 Tage.  Laut öffentlichen Aussagen sind aktuell rund 20 positive Fälle von Covid-19 und drei Todesfälle amtlich bestätigt. Die Zahl, der bisher unentdeckt oder nicht gemeldeten Erkrankten, wird aber weit höher liegen. Malawi zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Das Bildungs- und Gesundheitswesen ist auf die Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Für 18 Millionen Einwohner gibt es genau 30 Intensivbetten. Beatrice von Keyserlingk, Gründerin der Christian-Liebig-Stiftung e.V., telefoniert in letzter Zeit noch öfter als sonst mit ihren Kontakten in Malawi. Sie erzählt uns, wie die Menschen in Malawi mit der Corona-Gefahr umgehen. Welche besonderen Herausforderungen für die Bevölkerung bestehen, in einem Land, in dem fließendes Wasser Luxus ist. Und wie es den Schülerinnen und Schülern der geförderten Schulen im Moment geht.

Seit mehr als 17 Jahren setzt sich Beatrice von Keyserlingk mit der Christian-Liebig-Stiftung für Schul- und Bildungsprojekte in Malawi ein. Sie lässt Schulen bauen, Mädchenwohnheime errichten, vergibt Patenschaften und Stipendien. Es geht um Entwicklungsarbeit auf Augenhöhe. Ganz nach der Idee von Focus-Journalist Christian Liebig, dessen Traum es war, sich für Kinder in Afrika einzusetzen. Im vergangenen Jahr konnte durch die großzügige Unterstützung des Burda Vorstands und der Spende von Uli Baur ein Mädchenwohnheim renoviert werden. In diesem Jahr ist alles anders. In einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebt, keinen Zugang zu Nachrichten aus Radio, Internet oder Zeitungen hat und fließendes Wasser ein Luxus ist, ist Aufklärung über die neue Bedrohung Corona und Information, wie man sich schützen kann, essentiell.

Wie gehen die Menschen in Malawi mit Covid-19 um?

Malawi ist sehr stark von der Landwirtschaft geprägt - auf das Leben der zwar armen, aber hauptsächlich von einer guten Ernte abhängigen Bevölkerungsschicht nimmt das Corona-Virus im Moment noch keinen so großen Einfluss. Sie haben keine Geschäfte, die sie schließen müssen, keinen Verdienstausfall durch ausbleibende Touristen. In den wenigen Großstädten sieht das schon anders aus. Die Preise sind bereits gestiegen, Transportkosten bis zu 100%, Löhne werden nicht gezahlt, die Versorgung mit wichtigen Medikamenten kann nicht mehr gewährleistet werden. Sollte sich das Virus jedoch demnächst rasant ausbreiten, wird es auch und vor allem die arme Bevölkerung massiv treffen. Wie sollen Menschen ihre Familien ernähren, die als Tagelöhner während des Lockdowns nicht mehr arbeiten dürfen? Wie sollen Hygienemaßnahmen, oder allein die Aufforderung, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten, umgesetzt werden? Das mag für den Großteil der Bevölkerung wie ein schlechter Witz klingen. Sie leben meist zu acht oder mehr auf engstem Raum, fließendes Wasser gibt es nicht und die medizinische Versorgung ist quasi nicht existent.

Wie hilft die Christian-Liebig-Stiftung aktuell den Menschen vor Ort? 

Die größte Herausforderung und im Moment unsere Kernaufgabe: die breite und vor allem besonnene Aufklärung der Bevölkerung. Ohne Zugang zu Nachrichten verbreiten sich viele Halbwahrheiten. Es kursieren Gerüchte, dass das Virus schlimmer als Ebola sei, man daran schnell und rettungslos stirbt. Deshalb macht sich im Moment vor allem Angst und teilweise Panik breit. Ich habe zu vielen Lehrern und einzelnen Schülern sowie unseren Stipendiaten persönliche Kontakte und nutze diese, um per Whatsapp die wichtigsten Informationen weiterzugeben - zumindest das, was wir hier in Deutschland sicher wissen. Über das Thema Hygiene und dass man auch ohne Symptome das Virus in sich tragen und weitergeben kann. Und wir haben versucht, die Ängste zu nehmen: dass man nicht sofort und zwangsläufig an diesem Virus stirbt, sondern als junger Mensch nach aktuellem Stand sogar sehr gute Chancen hat, es zu überstehen. Ich bitte alle, diese Informationen an ihre Familien und Freunde weiterzugeben. Alle sind sehr dankbar für diese Aufklärung. 

Wie geht es den Schülern und Schülerinnen der geförderten Schulen? Gibt es Schulschließungen?

Malawis Regierung folgt dem Beispiel vieler anderer betroffener Länder und hat seit 4. April einen umfangreichen Maßnahmenkatalog angeordnet. Dazu gehört auch die Anordnung, alle Schulen zu schließen und die Kinder nach Hause zu schicken. Das heißt auch Einrichtungen, wie die Mädchenwohnheime, dürfen keine Schülerinnen mehr beherbergen. Da im Moment Erntezeit ist und die Kinder in dieser Zeit oft ihren Familien helfen müssen, ist die Veränderung noch nicht für alle so deutlich zu spüren. Viele hätten ohnehin für einige Zeit nach Hause gehen müssen. Die Frage ist, ob sie in naher Zukunft wieder an die Schulen zurückkehren dürfen. Denn Home-Schooling ist in Malawi ein Fremdwort. Die Bildung wird auf der Strecke bleiben. Für viele ein hohes Risiko für ihre Zukunft.

Wie für Esther Chikupira, Stipendiatin der Stiftung, die im Wohnheim der Sekundarschule gelebt hat und eigentlich gerade studiert:

Ich habe große Angst vor diesem Virus. Meine Familie ist in der Landwirtschaft tätig, aber wir haben natürlich auch einen Grundbedarf an Dingen, die es derzeit nicht gibt oder die sehr teuer geworden sind. Ich bin auch in großer Sorge um meine Zukunft. Dieses Virus ändert alles, auch wirtschaftlich gesehen. Es trifft auch Länder wie Deutschland und die Menschen, die mich bislang unterstützt haben. Das macht mir große Angst. Und die Medien verbreiten zahlreiche Gerüchte um Covid-19: die einen sagen, es ist Teufelswerk, dem wir nicht entkommen, andere behaupten, China hätte bereits ein Heilmittel, oder es würde einen nicht treffen, wenn man sich die Hände wäscht.

Beatrice wird in den nächsten Monaten noch viele Telefonate führen. Die Stiftung wird Unterstützung leisten, wo immer es geht. Aufklärung betreiben, aber auch die geplanten Schulbauten und Projekte weiterverfolgen. Falls Sie die Arbeit der Christian-Liebig-Stiftung und die Kinder in Malawi unterstützen möchten, hier geht’s zur Spendenseite. Auch kleine Spenden sind sehr willkommen.

Die „Burda bewegt“-Initiative lebt von der Unterstützung unserer Mitarbeiter für soziale Projekte. Im Moment liegen viele der Mitarbeiter-Projekte auf Eis, da diese meist vom Kontakt zu anderen Menschen leben. Was wir aber als „Burda bewegt“-Team tun können, ist Menschen sprechen zu lassen, um die wir uns normalerweise über unsere Stiftungen kümmern und für die die aktuelle Situation eine besondere Herausforderung darstellt.

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Weitere Impressionen & Downloads

Beatrice von Keyserlingk hält gerade jetzt engen Kontakt mit ihren Schülern, Stipendiaten und Lehrern (c) CLS

Esther Chikupira, eine von der CLS geförderte junge Frau, macht sich große Sorgen um ihre Zukunft (c) CLS

Dankbar für die Hilfe aus Deutschland: Beatrice von Keyserlingk wird von vielen liebevoll „Mama“ genannt. Wenn sie in Deutschland ist, tauscht sie sich mit vielen ihrer „Kinder“ per Whatsapp aus (c) CLS

Auf Augenhöhe: Die CLS legt Wert darauf, neben dem reinen Bau von Schulen, auch Aufklärung zu wichtigen Themen zu leisten, ob Hygiene oder, ganz aktuell, zu Covid-19 (c) CLS

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