Interview
26.09.2018

Das nächste Internet

Interview
26.09.2018

Das nächste Internet

Beim Kongress der Bundesdeutschen Zeitungsverleger sprach Vorstand Philipp Welte am Dienstag in einer Keynote über die Blockchain-Technologie und ihr Potenzial, unsere Welt zu verändern. Besonders relevant ist die Frage, was die Blockchain für das Geschäft der Verlage bedeuten kann. Wir befragten den Vorstand für das nationale Verlagsgeschäft zu dem spannenden Thema.

Herr Welte, was ist mit dem Internet passiert?

Lassen Sie uns dazu zunächst einen Blick zurückwerfen. 1993, also vor 25 Jahren, gab der britische Physiker und Informatiker Sir Tim Berners Lee jene Zeilen Code für die Allgemeinheit frei, die der Grundstein für das waren, was wir heute als das „Internet“ oder das „World Wide Web“ kennen. Was ihn trieb war die zutiefst demokratische, freiheitliche Überzeugung, dass der freie weltweite Austausch von Informationen, von Wissen, Fundament eines wunderbaren neuen Zeitalters der Menschheit sein würde. Wir wissen heute: Ja – das World Wide Web hat sein ursprüngliches Ziel, Verbindungen zu schaffen, erreicht und das in gewaltiger Dimension. Aber diese Verbindungen werden von einer Handvoll Unternehmen aus den USA und China beherrscht: von Facebook, Google, Tencent.

Und das kann sich durch die Blockchain ändern?

Die Blockchain ist jetzt eine Technologie, der eine Rückbesinnung auf die Vision von Sir Tim Berners Lee zugrunde liegt: ein freies Netz zum Austausch von Information und zur Kollaboration, zur Zusammenarbeit. Sie bringt die Funktion, im Netz Verbindungen zu schaffen, zurück auf die neutrale Ebene eines Protokolls und nimmt damit eine verbindende Position zwischen Anbietern und Konsumenten ein. Das Entscheidende: Damit rückt sie an die Stelle, an der heute die großen Internet-Giganten residieren. Jenseits des Hypes um die Bitcoins hat die Realität längst gezeigt, dass die Blockchain eine ernstzunehmende Technologie ist, die das Potenzial hat, das Internet vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen – und die Monopole der Tech-Giganten disruptiv zu zerrütten.

Was bedeutet das für uns als Medienunternehmen?

Ich sehe in der Blockchain ein großes Potenzial für unsere Branche. Wir haben in den letzten zwei Dekaden gelernt, dass die digitale Ökonomie eine Ökonomie der Verbindungen zwischen Menschen ist, und dass Verbindungen über Inhalte entstehen. Tech-Konzerne wie Google und Facebook haben sich als Intermediäre in die Mitte dieser Wertschöpfung gesetzt, die Verbindungen monopolisiert und dafür auch unsere Inhalte genutzt. Deshalb stehen wir auf der Suche nach einer Zukunft unserer wunderbaren Industrie vor der fundamentalen Frage, wie wir Journalismus in Zukunft noch marktwirtschaftlich finanzieren können. Wie schaffen wir es in der digitalen Welt, unsere Inhalte für den Nutzer im Netz sinnvoll zu bepreisen, und den Kontakt zu diesen Nutzern unserer Inhalte direkt an die werbende Wirtschaft zu vermarkten? Denn genau an diesem Dilemma, dass wir die beiden zentralen Erlösmodelle nicht mehr in der Hand haben, scheitert jetzt ja unsere Wirtschaftlichkeit.

Welche konkreten Optionen sehen Sie?

Mit der Blockchain haben wir jetzt die große Chance, die nächste Ära des digitalen Zeitalters von Anfang an maßgeblich mitzugestalten und dafür zu sorgen, dass die Wertschöpfung wieder dorthin zurück kommt, wo die Inhalte entstehen: zurück zu uns Verlagen. Jeder journalistische Artikel kann im Netz ohne Facebook und ohne News-Aggregatoren wie Apple News abgerufen werden – und jedes Stück Content – Text, Bild, Video – kann ein Preisschild bekommen, der Inhalt erhält seinen Wert zurück.

Wird denn nicht auch die Blockchain-Technologie wieder komplett aus dem Silicon Valley ausgerollt und verwertet?

Die Technologie für die Blockchain wird schon heute maßgeblich auch von Europa aus gestaltet, und der absolute Hotspot der Blockchain-Szene ist Berlin – ein regelrechter Technologie-Treiber. In Berlin allein gibt es derzeit 67 Startups, deren Geschäftsmodell auf der Blockchain basiert – in ganz Deutschland arbeiten derzeit 131 Startups daran, monopolisierte Verbindungen zu neutralisieren. Wir können alle nur erahnen, welche Dimension die Blockchain-Technologie annehmen wird, aber dieses Mal sind wir in Europa nah am Kern.

Und wie könnte der Burda-Weg dahin aussehen?

Ein erster Schritt ist bereits gemacht: Burda hat sich Anfang des Jahres an den BOTLabs beteiligt, die an der Protokoll-Entwicklung für die Blockchain arbeiten und Geschäftsmodelle identifizieren, auf deren Basis wir zukünftig unabhängigen Journalismus marktwirtschaftlich finanzieren können. BOT steht für „Burda Open Tech“ und ist ein kollaboratives Modell. Denn wir haben allein kaum eine Chance, Cutting Edge-Technologie zu entwickeln. Wie in allen Bereichen sind wir auch hier offen für Allianzen und Kollaborationen.

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