Focus
22.02.2019

Der Deutsche, der die Welt verzauberte

Focus
22.02.2019

Der Deutsche, der die Welt verzauberte

Dies ist eine Geschichte über Eleganz, Prestige und Schönheit. Es ist eine Geschichte von Aufstieg und Ankommen, von unbändiger Kreativität und hanseatischem Fleiß. Dies ist die Geschichte von Karl Lagerfeld, dem größten Modedesigner des 20. Jahrhunderts. In Focus nimmt Patricia Riekel Abschied von dem Menschen hinter der Sonnenbrille, ihrem Freund.

Karls Schau war spektakulär. Eine der besten, die ich je bei Chanel gesehen hatte. Bei der Inszenierung übertraf Karl Lagerfeld sich selbst. Das Grand Palais war an diesem 2. Oktober 2018 mit Wasser geflutet, Tonnen von Sand verwandelten es in eine täuschend echte Strandlandschaft. Nicht einmal die Wellen und das Kreischen von Möwen fehlten. 100 Models tanzten barfuß und glücklich verklärt in pastellfarbenen Kleidern über den Beach. Ja, Karl selbst wirkte sehr zerbrechlich, als er sich zum Schluss verbeugte. Aber niemand hätte in diesem Moment gedacht, dass es ein Abschied für immer sein würde.

Das furiose Finale eines einzigartigen Lebens. Vieles war ja auch wie immer. Karl hatte Brita von Maydell, langjährige Burda-Korrespondentin in Paris und eine seiner Vertrauten, und mich zu sich nach Hause zum Mittagessen eingeladen. Ein vertrautes Ritual, denn in den 25 Jahren unserer Freundschaft verabredete er sich mit uns beiden nach jedem Defilee zum Lunch in seinem Stadtpalais. Ich glaube, er hatte mit zunehmendem Alter eine versteckte Sehnsucht, deutsch zu reden. Bei Verabredungen mit Karl musste man Geduld mitbringen. „Ich hasse es, mich nach der Uhr zu richten“, sagte er. Wie wahr. Oft warteten wir zwei Stunden oder länger auf ihn.

Aber wer würde nicht gern im privaten Reich des berühmtesten Modedesigners der Welt seine Zeit verbringen? Umgeben von Büchern, bis zur Decke geschichtete Kunstbände über Architektur, Mode, Malerei und Fotografie. Viel Literatur aus Deutschland, Thomas Mann, die Tagebücher von Harry Graf Kessler, die Gartenbücher von Elizabeth von Arnim, aber auch die gesammelten Briefe von Virginia Woolf. Rund 300.000 Bücher hat er besessen, mehr, als so manche Volksbibliothek aufweisen kann. Er wusste genau, wo jedes stand und was darin lesenswert war. Ich hatte wenig Glück, wenn ich ein Buch mitbrachte, von dem ich glaubte, er kenne es noch nicht. Ben Hecht? Ein fast vergessener Schriftsteller aus den zwanziger Jahren. Kannte er natürlich schon. Aber er freute sich trotzdem über das Buch. Es wanderte einfach in eine Wohnung, wo es noch nicht stand.

Und dann diese spektakuläre Einrichtung, erlesene Art-déco-Möbel, kostbare Vasen, eine meterhohe Marmorfigur, die aussah, als stamme sie von einem antiken griechischen Grabmal. Die Farben waren auf das Draußen abgestimmt, schiefergrau wie die Häuser, der helle Pastellton des Pariser Himmels. Auf dem Tisch Leinenservietten mit Monogramm, Silberbesteck, gedämpftes Gemüse, Obst. Seit er vor 18 Jahren 42 Kilo abgenommen hatte, lebte er streng Diät, beschäftigte zwei Köche, die sein Essen auch diskret in Restaurants brachten, wenn er auswärts essen musste.

Diesmal ließ er uns nicht lange warten. Er habe Zahnprobleme, erklärte Lagerfeld, ein Eingriff stünde bevor. Diese Offenheit war ungewöhnlich. Er hasste es, über körperliche Beschwerden zu sprechen oder sie geschildert zu bekommen. Er sagte: „Wenn man nur ein bisschen Disziplin besitzt und erwachsen ist, kann man ganz gut mit allem allein fertig werden. Ich habe nicht das Bedürfnis, über Dinge, die mich persönlich betreffen, mit anderen zu diskutieren.“

Was ihn bei unserem Gespräch am meisten interessierte, war mal wieder Angela Merkel. Früher hatte er die deutsche Kanzlerin bewundert, jetzt machte er sie für das europäische Flüchtlingschaos verantwortlich. „Warum hat sie all diese Leute ins Land gelassen, die Juden so hassen?“, ereiferte er sich. Sie war zu seiner Lieblingsfeindin avanciert. Wie immer war er erstaunlich gut über deutsche Politik informiert, der Einzug der AfD in die Landtage empörte ihn.

Aber er war auch begierig, den neuesten Klatsch zu hören. „Ist Boris Becker wirklich pleite?“, wunderte er sich. Trump fand er „uuunmöglich“ im Gegensatz zu dessen Frau Melania, der er Eleganz bescheinigte. Gespräche mit ihm waren immer eine wilde Tour de Monde, über Gott und die Welt, in denen er Kostproben seines enzyklopädischen Wissens zum Besten gab, gespickt mit Bonmots und bissigen Bemerkungen. Lieblingsopfer Heidi Klum…

Das ganze Portrait von Patricia Riekel über ihren Freund Karl Lagerfeld lesen Sie im aktuellen Focus (9/19) - ab Samstag am Kiosk.

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Weitere Impressionen & Downloads

Cover der aktuellen Focus-Ausgabe 9/19

Das Leben von Karl Lagerfeld ist eine Geschichte über Eleganz, Prestige und Schönheit © Focus

Die Geschichte von Karl Lagerfeld, dem größten Modedesigner des 20. Jahrhunderts © Focus

Focus erklärt das Netzwerk von Karl Lagerfeld © Focus

Lagerfeld live - Unvergessene Sätze © Focus

Patricia Riekel (ehemalige Bunte-Chefredakteurin) mit Designer Karl Lagerfeld

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