Gespräch mit den „Tatort Zuhause“-Autorinnen
25.11.2024

„Die heftigste Geschichte, die wir je gemacht haben“

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Jede dritte Frau in Deutschland erlebt Gewalt – oft ausgerechnet dort, wo sie sich am sichersten fühlen sollte: zu Hause. Heute, am 25. November, ist der „Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“, der seit 1981 den Fokus auf geschlechtsbezogene Gewalt richtet und ein Zeichen der Solidarität mit den betroffenen Frauen setzt.  

Im Juni 2023 haben die Focus-Magazin-Reporterinnen Anja Maier und Lara Wernig in ihrer aufrüttelnden Titelgeschichte „Tatort Zuhause“ 45 Frauen zu Wort kommen lassen, die häusliche Gewalt erfahren haben. „Viele Menschen winken das Thema ab und sind überzeugt, dass es nur sozial schwache Menschen betrifft“, sagt Anja Maier. Doch ihre monatelangen Recherchen haben gezeigt: Egal ob Sachbearbeiterin oder Top-Managerin – das Problem betrifft Frauen aus allen sozialen Schichten. Im Gespräch zeigt sich die Focus-Chef-Reporterin auch mehr als ein Jahr nach der Recherche tief bewegt von den erschütternden Einblicken in das Leben der Betroffenen. 

Das bestätigt auch ihre Kollegin Lara Wernig. Die Recherchen, die dem Focus-Titelblatt vorausgingen, seien ihr häufig „an die Substanz gegangen“. Überhaupt erst möglich gemacht hat sie die Initiative „DieNächste“ – ein Zusammenschluss betroffener Frauen. Sie stellte eine Liste potenzieller Gesprächspartnerinnen zur Verfügung, die Anja und Lara wochenlang abtelefonierten – oft bis nach Feierabend. Eine sensible Aufgabe; schließlich mussten sie das Vertrauen der teilweise traumatisierten Frauen gewinnen und gewährleisten, dass sie sich bereit fühlten, ihre Geschichten zu teilen. 

Um die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichten zu bestätigen und ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen, ließen sie sich auch von unseren Kolleg:innen aus der Rechtsabteilung beraten und sich Dokumente und Screenshots schicken, die das Erfahrene belegen konnten. „Beim Lesen der Dokumente haben sich Abgründe aufgetan“, erinnert sich Anja.  

Ein Thema, das Spuren hinterlässt

Wenn Anja und Lara über die Zeit der Recherche und des Schreibens sprechen, sagen sie unisono: Es war die „heftigste Geschichte, die wir je gemacht haben“. Die Lebensgeschichten, in die sie eingetaucht sind, haben Spuren hinterlassen. Nach Feierabend fühlten sie sich oft erschöpft und ausgelaugt: „Die Zusammenarbeit im Team und die Unterstützung des Verlags haben uns aber gut aufgefangen“, sagt Lara. Oft hätten sie und Anja sich nach den Gesprächen mit den Frauen zusammengesetzt, um das Gehörte gemeinsam zu verarbeiten.  

Und obwohl ihr das Thema sehr nahe gegangen ist, sagt Anja, die damals noch recht neu bei Burda war: „Diese Geschichte hat mich geprägt, was Burda angeht, weil ich das Gefühl hatte: Hier bist du richtig. Das ist ein Unternehmen, das für relevante Themen Kräfte freisetzt, um sich für die Betroffenen starkzumachen.“ 

Einige Frauen trauten sich am Ende allerdings doch nicht, öffentlich über ihre Geschichte zu sprechen – zu groß war die Angst vor den Reaktionen; der Täter, aber auch öffentlicher Institutionen. Denn selbst wenn Betroffene sich überwanden, Hilfe zu suchen – etwa bei der Polizei oder Ämtern wie dem Jugendamt, wenn Kinder involviert sind – folgt dort oft erstmal Ernüchterung. Viele Betroffene haben Anja und Lara berichtet, dass sie sich nicht ernst genommen gefühlt haben. So hätten das direkte Umfeld der Frauen oder die zuständigen Behörden den Fehler erst einmal bei ihnen selbst gesucht und ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt.  

Lara Wernig (li.) und Anja Maier @ privat/Markus Hurek

Anjas und Laras Recherche zeigt, dass sowohl die gesellschaftliche Wahrnehmung als auch die staatlichen Möglichkeiten, effektiv gegen häusliche Gewalt vorzugehen, bis dato unzureichend sind. Viele der Schutzmechanismen, die den Opfern helfen sollten, sind entweder ineffektiv oder schwer zugänglich, was die Hilflosigkeit und Isolation der betroffenen Frauen noch steigert.  

Wie lässt sich das Problem – neben mehr Präsenz in der Berichterstattung – lösen? „Die Istanbul Konvention, also das Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, muss in Deutschland umgesetzt werden. Dazu gehört unter anderem, mehr Plätze in Frauenhäusern zu schaffen“, sagt Lara. „Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem“. Anja ergänzt: „Es braucht Allianzen, Männer-Allianzen. Männer, die in gesunden Verhältnissen aufgewachsen sind, müssen den Männern, die zu Tätern werden, zeigen, wie es richtig geht.“ Auch Gewaltpräventionsprogramme könnten dabei helfen, erlerntes Gewaltverhalten abzulegen und den Kreislauf häuslicher Gewalt zu durchbrechen.   

Das Folge-Interview folgte im März

Im März dieses Jahres führte Lara ein Folge-Interview mit 15 betroffenen Frauen aus der ersten Reportage. „Viele berichteten mir, dass sich ihr Leben zum Guten gewendet hat“, erzählt sie. „Keine von ihnen hatte bereut, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen zu sein – im Gegenteil.“ Nach der großen Focus-Magazin-Reportage habe das Thema Fahrt aufgenommen und nehme immer mehr Raum in der öffentlichen Debatte ein. Viele der Frauen hätten durch die Reportage den Mut gefunden, sich nun selbst aktiv gegen Gewalt an Frauen zu engagieren. 

Auch die Politik reagierte. Vergangene Woche stellte das Bundeskriminalamt erstmals ein Lagebild zu Gewalt gegen Frauen vor. Damit erfüllen Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) eine wichtige Forderung von Betroffenen und ihren Unterstützer:innen. Die Bilanz allerdings fällt erschütternd aus: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 360 Femizide und mehr als 600 weitere Versuche. Jeden Tag werden im Schnitt 140 Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Gewalt, über die Hälfte der Betroffenen sind minderjährig. Und das sind nur die bekannt gewordenen Straftaten. Der überwiegende Teil der Täter sind deutsche Männer über dreißig, oft finden sie sich im direkten Umfeld der Betroffenen. Der Titel von Anjas und Laras Geschichte „Tatort Zuhause“ bestätigt sich leider einmal mehr. 

Auch der „Focus Salon“, der am heutigen Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen erstmals in Berlin stattfindet, widmet sich dem Thema. Die neue Eventreihe des Focus-Magazins soll die Aufmerksamkeit auf Missstände in der Gesellschaft richten und Raum zur Diskussion und Lösungsfindung geben. Heute Abend diskutieren dort neben Anja Maier, der Focus-Chefredakteurin Franziska Reich und weiteren Kolleg:innen auch Bundesfamilienministerin Lisa Paus und Innenministerin Nancy Faeser über das Thema. Denn die betroffenen Frauen haben es verdient, dass man über sie spricht – und ihnen hilft. 

Wenn Sie von häuslicher Gewalt betroffen sind oder jemanden kennen, der Hilfe benötigt, stehen zahlreiche bundesweite und regionale Unterstützungsangebote zur Verfügung. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Nummer 08000 116 016 erreichbar. Zögern Sie nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen – niemand muss allein mit Gewalt leben. 

von Jasmin Larmache und Sabrina Wolf

Autor:in
Jasmin Larmache
Editorial Team Lead
jasmin.larmache@burda.com
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