Interview
06.05.2024

Durststrecke in der Gründung: Zahlt sich der lange Atem immer aus?

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Wer ein Unternehmen gründet, weiß: Gründen bedeutet Selbstverwirklichung, aber auch: Risiken eingehen, Entscheidungen selbst treffen, neue Wege beschreiten und mit Rückschlägen umgehen. Bei Burda gibt es einige Kolleg:innen, die neben ihrem eigentlichen Job den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Zu ihnen gehört Simon Bründl, Head of Product Consumer Media im Product & Innovation Team. Auch er hat bei seiner Gründung einige Höhen und Tiefen erlebt.

Die Vision von „LifeTeachUs“

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Simon mit seinem Mitgründer Ludwig Thiede am Social Startup „LifeTeachUs“. Entstanden ist die Idee aus Gesprächen über die eigene Schulzeit und der immer wiederkehrenden Frage: Warum haben wir das eigentlich nicht in der Schule gelernt? Mit der Non-Profit-Organisation verfolgen sie das Ziel, Unterrichtsausfall an Schulen zu kompensieren und Kinder auf das Leben als Erwachsene vorzubereiten. Jede Woche fallen in Deutschland über eine Million Schulstunden aus, die durch dieses Konzept mit lebensnahen Inhalten gefüllt werden können. Schulen können sich kostenlos auf der Plattform registrieren. Parallel können sich Privatpersonen als „Life Teacher" ausbilden lassen und Kindern und Jugendlichen wertvolle Lebensweisheiten vermitteln. Aus Ausfallstunden werden stattdessen wertvolle „LifeLessons“.

„Wir alle haben im Leben wertvolle Lektionen gelernt, die wir weitergeben können. Deshalb kann jede:r sich zum Life Teacher ausbilden lassen“, erklärt Simon. Die Lektionen können alles umfassen, was im „echten" Leben wichtig ist: von der Karriere über zwischenmenschliche Beziehungen bis hin zu globalen Herausforderungen und der persönlichen Gesundheit.

Nah an der Technologie

Gesagt, getan: Als Simon und Ludwig die Idee 2021 kam, fackelten sie nicht lange und gingen direkt in die Umsetzung. Jeden Abend nach der Arbeit und am Wochenende wechselte Simon vom Burda-Laptop auf seinen privaten Rechner: Er entwarf die Digitalstrategie für LifeTeachUs, entwickelte ein skalierbares Konzept und programmierte eigenständig eine mobile App (iOS/ Android), die Anfragen von Schulen in Echtzeit an passende Life Teacher vermittelt.

Neben einem Vollzeitjob als Führungskraft ein Startup zu gründen – das muss doch anstrengend sein? „Ist es“, sagt Simon, „Aber es macht auch viel Spaß. Ich lerne viel, was ich dann auch in meine Tätigkeit bei Burda einbringen kann.“ Dazu habe er auch jede Menge Feedback von seinen Kolleg:innen erhalten. „Für mich als studierter Wirtschaftsinformatiker war es eine perfekte Gelegenheit, um weiterhin ganz nah an der Technologie zu bleiben“. 

Als Marketingmanager war Ludwig derweil für die Vermarktung verantwortlich, entwickelte das Branding und die Konzepte zur Akquise von Schulen und LifeTeachers. Innerhalb weniger Monate stand eine erste Plattform, die Seite war gelauncht. Simon und Ludwig standen in den Startlöchern, stolz auf ihre Idee und die geschaffte Arbeit. Doch der geplante Höhenflug blieb aus - vorerst.

Zwischen Hindernissen und Rückschlägen

„Uns fehlten die Anmeldungen“, erklärt Simon. „Potenzielle Life Teacher konnten wir leicht finden. Mit den Schulen war es schwierig“. Im Sakko und mit einer Handvoll Flyer wanderte Ludwig von Schule zu Schule, um die Idee zu präsentieren und die Direktor:innen der Schulen zu überzeugen. Doch ihre Euphorie wurde ausgebremst: Die Schulen waren skeptisch, das Konzept sei zu neu, zu progressiv.

„Wir haben immer wieder die gleiche Diskussion mit den Schulleiter:innen geführt“, berichtet Simon. „Unklare Zuständigkeiten und zu viele Unsicherheiten, die sie nicht eingehen wollten.“ Obwohl das Konzept ausgereift war und die Life Teacher einen umfassenden Auswahl- und Ausbildungsprozess durchlaufen hatten - inklusive polizeilichem Führungszeugnis und Schulung - schien der Durchbruch in weiter Ferne. 

„Wir kamen irgendwann an den Punkt, an dem wir ernsthaft überlegten, ob wir es lassen“, erzählt Simon. Auf der einen Seite hatten sie bereits viel Zeit, eigenes Geld und Herzblut investiert. Auf der anderen Seite setzte ihnen die mangelnde Innovationsbereitschaft der Schulen zu. „Da kommt man schon ins Überlegen, ganz klar. Wir waren ja auf die Schulen angewiesen, ohne sie funktioniert es nicht.”  

Auf zu Höhenflügen:  “Wir hatten Beweise”

Und dann kam ein Wendepunkt. Sie machten weiter, obwohl das Startup zu scheitern drohte. „Wir konnten einfach nicht anders. Wir brennen für das Thema Bildungsgerechtigkeit und waren weiterhin von unserer Idee überzeugt.” Und mit Zeit und Geduld stellten sich allmählich Erfolge ein: Die ersten Schulen erklärten sich bereit, das Startup zu unterstützen. „Ihr Vertrauen in uns war der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Simon. „Je mehr dazukamen, desto leichter wurde es, zu zeigen, dass unsere Idee funktioniert: Wir hatten Beweise.“ Immer mehr Schulen schlossen sich an. Das Highlight: Vor rund drei Monaten sendete das ZDF-Fernsehen einen Beitrag über „LifeTeachUs“. Die Reichweite des Start-ups, vor allem in den sozialen Medien, schoss in die Höhe.

Seitdem geht es für die beiden Gründer steil bergauf. Heute sind über 70 Schulen und 250 Life Teacher auf der Plattform aktiv. Und die Schüler:innen sind begeistert. „Durch LifeTeachUs geben wir den Kindern das, was uns in unserer eigenen Schulzeit gefehlt hat: Inspirierende Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Lebens, die den Schüler:innen einzigartiges Lebenswissen vermitteln”, so Simon. Und das mit Erfolg: Die Zahl der Unterstützer:innen steigt, das Team hinter „LifeTeachUs“ wächst und die Mission wird weiterverfolgt.

Und als Life Teacher gibt man nicht nur, sondern man erhält auch etwas zurück. Das bestätigt Angela Martia Laprell, die als Life Teacher ihr Wissen an die junge Generation weitergibt: „Wie sehr man die Atmosphäre in einer Klasse gestalten kann. Das war für mich damals völlig neu. Ich kann nur jedem raten, der Spaß daran hat, so etwas zu machen. Es ist eine wunderbare Erfüllung.“

Die nächste Herausforderung in Sicht? 

Nun wartet bereits die nächste Herausforderung auf die Gründer: Investor:innen zu finden, um das Projekt weiter auszubauen und zu skalieren. Investitionen in NGOs mit groß angedachten, digitalen Lösungen sind für viele immer noch unerforschtes Gebiet. Ob es erneut zu Durststrecken kommt? Möglich. Doch Simon und Ludwig sind überzeugt: Die richtigen Konzepte setzen sich auf Dauer durch.

Simons Tipp an euch

Genau das möchte Simon auch allen Kolleg:innen bei Burda mit auf den Weg geben, deren Startup ins Stocken geraten ist: "Wenn ihr genauso leidenschaftlich an eure Idee glaubt wie am ersten Tag, dann setzt euren Weg fort. Lasst euch nicht entmutigen. Wenn ich eines in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt habe, dann das: Niederlagen und Erfolge liegen sehr nah beieinander.”

 

Weitere Infos

Ihr wollt mehr über LifeTeachUs erfahren oder sogar selbst Life Teacher werden? Mehr Informationen findet ihr auf der Homepage und in der App für iOS und Android!

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Das Team hinter LifeTeachUs. Eine bunte Mischung von Expert:innen aus Kommunikation, Wirtschaft, Pädagogik, die gemeinsam ein Ziel verfolgen: Das Bildungsangebot für Schüler:innen mit lebensnahen Inhalten zu erweitern © LifeTeachUs

"Was hättest du gerne schon in deiner Schulzeit gewusst?" - Eine Frage, die sich viele stellen und mit der Simon und sein Team auf die Möglichkeiten von LifeTeachUs aufmerksam machen © LifeTeachUs

Die sechste Klasse des Berliner Musikgymnasiums hatte kürzlich eine besondere Unterrichtsstunde: Die junge Tischlerin Mascha Kriegerowski war zu Besuch und stellte den Kindern ihren Beruf vor © LifeTeachUs

Das große Highlight der letzten Wochen - Der Videobeitrag über LifeTeachUs im ZDF Fernsehen. Hier ein Blick hinter die Kulissen © LifeTeachUs

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