Focus Online-Chefredakteur
02.04.2019

„Florian, willst Du mit mir gehn?“

Focus Online-Chefredakteur
02.04.2019

„Florian, willst Du mit mir gehn?“

Anschläge auf zwei Moscheen in Neuseeland + Dutzende Tote + Täter filmte das Blutbad mit Helmkameras: Es ist Freitagmorgen, und ich wollte mit dem Focus Online-Chefredakteur Florian Festl im Rahmen der Serie „Willst Du mit mir gehn?“ eigentlich entspannt in den Tag starten.

Als ich aber um 7 Uhr rund 60 Kilometer nördlich von München in Florians Auto einsteige, um ihn auf dem Weg in die Arbeit zu begleiten, dominiert das Attentat von Christchurch aus der Nacht die Nachrichten. „Das Video vom Massaker werden wir auf keinen Fall veröffentlichen, auch kein Standbild daraus - denn das war die Absicht des Täters. Ihm geht es um diese Art der Aufmerksamkeit“, bespricht sich Festl mit dem Chef vom Dienst (CvD).

Während der Chefredakteur mit seinem geräumigen Familienauto an Hopfenfeldern entlangfährt, höre ich über die Freisprechanlage die grausamen Details der Tat.

„Wo sind unsere Helden?“

Am Ende des Telefonats, fragt Florian plötzlich den CvD: „Wo sind unsere Helden?“ Ich schaue ihn verdutzt vom Beifahrersitz an und er erklärt, dass gerade an einem Tag wie diesem Kontrapunkte besonders wichtig seien: „In der Focus Online-Reihe 'Unsere wahren Helden' stellen wir 100 Menschen vor, die Deutschland guttun, etwas Wichtiges leisten und wie Kitt für unsere Gesellschaft wirken.“ Derweil wandert die Geschichte über den Held des Tages, Harro Schwuchow, auf die Homepage. Als Schwuchos Schützling Thomas Röhler bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro sensationell Speerwurf-Gold gewann, ahnte niemand etwas von der Krebserkrankung des Trainers. Nach Herzstillstand und Scheintod kämpfte er sich tapfer zurück. Jetzt gibt er seine Erfahrungen im Kampf gegen den Krebs an andere weiter.

Bröckelt der Kitt?

Trump, der die USA spaltet und mit alten Allianzen bricht, zunehmende Fremdenfeindlichkeit oder das Massaker in Neuseeland: „Droht die Welt angesichts der immer radikaleren Stimmen an allen Ecken auseinanderzubrechen – bröckelt der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält?“ will ich wissen. „Warum überwiegen auf Nachrichtenportalen oft die negativen Nachrichten – gibt es mehr Schlechtes als Gutes in der Welt?“

„Traditionell stellen Nachrichten eine meist negative Abweichung von der Norm dar. Die Aufgabe von Journalisten ist es im klassischen Verständnis, Missstände aufzuspüren. Als vierte Macht im Staat übernehmen sie eine kontrollierende Funktion“, erklärt Florian, während er auf die Überholspur wechselt und an den anderen Autos vorbeizieht. „Durch diesen kritischen Blick ergibt sich eine Negativität in der Berichterstattung.“

„Heute kommen wir gut durch, noch kein Stau“, sagt er und schiebt hinterher: „Wir wollen bei Focus Online zugleich das Gute und Gelingende abbilden. An den in unserer Branche üblichen Meisterschaften des Problematisierens beteiligen wir uns nicht“, erklärt er. „Auf Focus Online finden sich Beiträge, die das Leben der Menschen besser machen sollen. Gesundheits-, Anlage- oder Karriere-Ratgeber gehören ebenso dazu wie konstruktiv gedachte Gesellschaftsthemen.“

Stau vor München

Im obligatorischen Stau vor den Toren Münchens tippt Florian auf seinem Smartphone herum. Er hat verschiedene Chat-Gruppen, in denen er mit seinen Kollegen im ständigen Kontakt steht. „Ob Tippfehler, optimierte Headlines oder Themen-Ideen – alles wird hier hineingeschrieben“, sagt er schmunzelnd und zeigt mir den Screenshot eines Artikels, auf dem ein Tippfehler rot eingekringelt ist.

Die Landschaft kennen – Spuren lesen

Florian scheint ständig unter Strom zu stehen, immer verbunden mit dem Weltgeschehen und mit einem Ohr in der Redaktion. Wenn er abschalten will, geht er Tennis spielen, Ski fahren oder in die Natur rund um seinen Heimatort in der Hallertau. So gut er die Umgebung und Wälder dort kennt, so genau erkundet er die aktuellen Newslage. Liest Spuren, erkennt Zusammenhänge und findet versteckte Pfade.

Angekommen im Actionroom von Focus Online in München hat sich eine Menschentraube um einen Bildschirm gebildet, auf dem das Video des Massakers von Neuseeland zu sehen ist. Entsetzte Gesichter in der Redaktion. 50 Menschen starben heute bei diesem Anschlag. Weitere 50 wurden verletzt. Ich verabschiede mich. Auf dem Weg nach draußen drehe ich mich nicht mehr um. Aus dem Lautsprecher hallen noch die Schüsse der Attentäter durch den Raum.

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