Interview
17.06.2019

"Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf"

Interview
17.06.2019

"Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf"

Der beste Weg, seine Karriere zu starten? Sich von Vorbildern, die schon erfolgreich in ihrem Job sind, etwas abschauen. In unserer Interview-Serie haben Volontärinnen und junge Journalistinnen die Chance dazu. Dieses Mal trifft Redakteurin Aline Prigge auf Vida Brychcy, Director Product & Engeneering Test und Verbraucherberatung von Chip, und spricht mit ihr über ihren Berufseinstieg im Iran und ihren Umzug nach Deutschland, dass man sich als Führungskraft verzichtbar machen sollte und warum es gut ist, auch mal einen Karrieresprung auszuschlagen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ich verantworte die Produktentwicklung im Bereich Test und Verbraucherberatung und leite hier verschiedene Teams.  An den Produkten sind neben Entwicklern auch Product Owner - die das Produkt businessseitig verantworten, UX – die es aus User-Sicht konzeptionieren, die SEO-Abteilung, BI und natürlich Operations, die uns die Serverlandschaft zur Verfügung stellen, auf denen wir unsere Produkte hosten, beteiligt. Als Leiterin kümmere ich mich im Grunde genommen darum, dass die Arbeit mit den Abteilungen reibungslos funktioniert. Das bedeutet, mein Tag besteht zu 80 Prozent aus Meetings. Die restlichen 20 Prozent sind Gespräche mit den Mitarbeitern. Mir ist es sehr wichtig, dass alle Mitarbeiter, angefangen bei den Entwicklern, die oft nur die Aufgaben ausführen, ihre Stimme finden und gehört werden. Denn eine Produktentwicklung kann nur dann gut werden, wenn alle auf Augenhöhe sind.

Heute ist dein erster Arbeitstag nach einem Urlaub. Wie sehr konntest du da als Führungskraft abschalten?

Sehr gut! Ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt, im Urlaub meine E-Mails schon mal abzuarbeiten. Das war dann doch keine Option. Aber mein Mantra ist, meine Mitarbeiter so weit zu fördern, dass sie so gut werden, dass man eigentlich auf mich verzichten kann. Das hört sich ein bisschen paradox an – ich mache meinen Arbeitsplatz überflüssig. Aber ich will, dass meine Mitarbeiter Verantwortung übernehmen.

Und wie machst du das?

Ich bin ein sehr sozialer Typ und liebe es zu kommunizieren. Es spornt mich an und ich finde, dass man mit Kommunikation sehr viel bewegen und herausfinden kann. In unserem Job als Führungskraft geht es ja genau darum zu sehen, wie es jedem Einzelnen geht. Ich versuche meine Mitarbeiter so viel wie möglich selbst bestimmen zu lassen und sie dabei zu begleiten. Es gibt natürlich immer Situationen, in denen Mitarbeiter glauben, dass ich etwas entscheiden muss. Aber oft stelle ich nur die richtigen Fragen, damit sie die Antwort selber finden. Mit der Entscheidung, die sie dann selbst fällen, kommt auch die Verantwortung und so wissen meine Mitarbeiter, dass ich hinter ihnen stehe. Sollte etwas schief gehen, trage ich auch das mit.

Du hast selbst als Entwicklerin angefangen, allerdings im Iran. Wieso hast du dich entschieden nach Deutschland zu kommen?

Im Iran habe ich nach meinem Informatikstudium vier Jahre als Entwicklerin gearbeitet. Ich dachte, weil Informatik dort ein mathematischer Studiengang ist, den viele Frauen wählen, werde ich auch im Berufsleben auf eine offenere Branche treffen. Aber ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht so ist. Es gibt zwar viele Frauen, aber die Männer geben den Ton an und es geht sehr hierarchisch zu. Wenn du drei Jahre dabei bist, darfst du vielleicht mal etwas sagen und Ideen einwerfen, aber ansonsten machst du immer genau das, was man dir sagt. Ich hatte aber schon immer meinen eigenen Kopf und habe auch gegen meinen iranischen Vater rebelliert. Ich wollte nicht einfach nur „machen“ sondern „mitdenken“. Im Iran blieb mir nur die Wahl, mich selbstständig zu machen oder in eine andere Firma zu gehen, in der es genauso läuft. Da habe ich mich entschieden zu gehen.

Und wie ging es in Deutschland für dich weiter?

Das erste Jahr war schwierig. Ich hatte noch die Mentalität aus dem Iran: Ich habe viele Sachen nicht ausgesprochen und erstmal gewartet, wie sich die Dinge ergeben. In Deutschland sind aber alle sehr viel aggressiver und meine zurückhaltende Art funktionierte nicht. Also habe ich die iranische Art etwas abgelegt und die deutsche, die mir durch meine deutsche Mutter auch bekannt war, herausgeholt. Auf einmal wurde ich wahrgenommen. Das ist auch etwas, was ich immer allen ausländischen Kolleginnen mitgebe: Geht aus euch heraus und sagt, was ihr denkt – natürlich auf eine nette und diplomatische Weise.

Aber als dir zum ersten Mal eine Stelle als Technikleiterin angeboten wurde, hast du abgelehnt.

Ja. Ich war damals bei "Tomorrow Focus" und hatte dort nach sechs Monaten als Entwicklerin zusätzlich eine technische Projektleitung übernommen. Plötzlich wurde ich gefragt, ob ich die technische Leitung übernehmen möchte – ganz ohne Führungserfahrung. Ich habe mich aber noch nicht bereit gefühlt und die Leitung nur interimsmäßig übernommen. Manchmal ist es nicht unbedingt gut, schnell Karriere zu machen, weil man in Positionen geworfen wird, in denen man mit der Situation noch nicht umgehen kann. Deswegen sollte sich Jeder fragen: Mache ich etwas, weil ich es selbst will und mich bereit fühle, oder nur, weil irgendjemand anderes es in meinem Alter schon erreicht hat? Damals habe ich um eine Stelle als Teamleiterin gebeten. Kurz darauf bin ich schwanger geworden.

Für viele Frauen wäre das ein Karriere-Aus...

Für meinen damaligen neuen Chef waren Führungsrolle und Kinder auch inkompatibel. Aber da habe ich mich gewehrt und bin dann nach acht Monaten Elternzeit mit 30 Stunden, also einer 75-Prozent-Stelle, zurückgekommen. Als Mutter ist man gut organisiert, weiß was zuerst abgearbeitet werden muss und was warten kann. Aber das Unternehmen hat auch wirklich zu mir gehalten und mich unterstützt.

Wie sollte man damit umgehen, wenn man für eine offene Stelle nicht die erste Wahl ist?

Es geht darum, die oder den Verantwortlichen zu überzeugen. Als ich aus der zweiten Elternzeit als Teamleiterin zurückgekommen bin, hatten wir einen neuen Geschäftsführer, der alte Technikchef war weg und der neue verstorben. Ich war natürlich sehr betroffen, aber die Stelle hat mich auch sehr gereizt. Und ich wusste, dass sie mich nicht fragen würden, weil ich vor Jahren schon Nein gesagt hatte. Also habe ich mir einen Termin beim Geschäftsführer geben lassen und ihn mit einem guten Konzept und Selbstbewusstsein überzeugt. Genau darum geht es auch: Sichtbar zu machen, was man kann, wo man es bewiesen hat, wie man die Situation einschätzt und welche Lösungen man hat.  Leider ist es immer noch so, dass man als Frau mehr überzeugen muss.

Damit warst du eine der ersten Frauen in einer technischen Führungsposition bei Burda. Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

Es hat sich sehr viel geändert. Ich habe schon immer die Fahne hochgehalten, dass mehr Frauen in Führungspositionen gehören. Damals in der "Tomorrow Focus AG" hatten wir bei Focus Online Ressortleiterinnen, im Advertising-Bereich Frauen in Führungspositionen, aber das war es auch schon. Mit Tanja zu Waldeck haben wir jetzt bei BurdaForward eine Vorständin und auch in den Ebenen darunter sind viele Frauen in Führungspositionen.  Leider gibt es in Deutschland nach wie vor nicht so viele Frauen, die z.B. Informatik studieren. Somit ist die Auswahl an Frauen, die für technische Führungspositionen in Frage kommen, auch beschränkt. Wir haben zwar immer mehr Frauen als Bewerberinnen, aber viele von ihnen kommen aus dem Ausland. Diese Frauen fühlen sich jedoch als Führungskräfte im deutschsprachigen Raum noch nicht wohl. Es ist wichtig auch in Deutschland umzudenken und den weiblichen Nachwuchs zu begeistern.

Welche Möglichkeiten siehst du da?

Wir bei BurdaForward machen das zum Beispiel schon konkret mit der Hacker School. Ich gehe auch auf Abimessen in die Schulen und stelle den Berufszweig Informatik vor und ermutige junge Mädchen zu einer Ausbildung oder einem Studium. Mädchen und Frauen müssen das Selbstbewusstsein aufbauen, dass sie in technischen Fachrichtungen genauso gut sind wie Männer. Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir Frauen Vorbilder sind und uns auch für den weiblichen Nachwuchs einsetzen. Ich begrüße es sehr, dass es viele Fraueninitiativen gibt, wie zum Beispiel BayFiD (Bayerns Frauen in Digitalberufen) und viele mehr, die Frauen in der Technik unterstützen. Berufseinsteigerinnen oder junge Menschen, sollten auch von jungen Leuten lernen, wie es im Berufsalltag aussieht.

Das finde ich auch. Trotzdem haben mir ein paar spezielle Coachings für den Berufseinstieg gefehlt. Deswegen habe ich mit zwei Volontärskolleginnen als Abschlussprojekt an der BJS selbst Business Crush, ein Coachingformat für Frauen gegründet. Wir haben mit fünf tollen Coaches, unter anderem Kerstin Weng von Instyle und Christina Burkhardt, Gründerin der Shiftschool, einen Workshop-Tag für Berufseinsteiger gemacht, wo es genau um solche Themen wie Sichtbarkeit, Selbstvertrauen und die eigenen Stärken ging. Das Workshop-Event hat uns eindeutig gezeigt, dass dieses Bedürfnis sehr stark ausgeprägt ist.

Das denke ich auch. Ich frage mich immer, wie war es denn bei mir. Die Reflektion hilft mir, jungen Frauen zu helfen. Bei BurdaForward haben wir ein Mentoring-Programm für alle, das ich sehr wichtig finde. Auch ich hätte mir früher ein weibliches Vorbild gewünscht, das im Technik-Umfeld arbeitet. Wir haben super Entwicklerinnen im Haus und die sollten auch als Vorbilder dienen.

Vida Brychcy ist seit 2014 Director Product & Engineering bei der Chip Digital GmbH und verantwortet dort verschiedene Entwicklungsteams. Sie hat an der Islamic Azad University in Teheran Software Engineering studiert. Nach Stationen als Softwareentwicklerin bei Namaad Iran und Mercateo kam sie 2004 zur "Tomorrow Focus AG", wo sie Positionen als Teamleiterin und Director Solutions übernahm.

Aline Prigge ist Redakteurin im Bereich Food & Lifestyle bei Hubert Burda Media. Sie hat Komparatistik und Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und der Université Charles de Gaulle in Lille studiert. Während ihres Volontariats an der Burda Journalistenschule hat sie Stationen bei Lust auf Genuss, Focus, "Huffpost" und der Burda Video Factory durchlaufen und als Abschlussprojekt Business Crush, ein Workshop-Format für junge Frauen am Anfang ihrer Karriere, ins Leben gerufen.

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Weitere Impressionen & Downloads

Vida Brychcy ist seit 2014 Director Product & Engineering bei der Chip Digital GmbH und arbeitet bereits seit 2004 für die damalige Tomorrow Focus AG © M. Wilhelm für Hubert Burda Media

Aline Prigge ist Redakteurin im Bereich Food & Lifestyle und hat im Jahrgang 2016/2018 das Volontariat an der Burda Journalistenschule durchlaufen © M. Wilhelm für Hubert Burda Media

„Mein Mantra ist, meine Mitarbeiter so weit zu fördern, dass sie so gut werden, dass man eigentlich auf mich verzichten kann“, sagt Vida Brychcy © M. Wilhelm für Hubert Burda Media

Gerade Berufseinsteigern würden sich viel mit Themen wie Sichtbarkeit, Selbstvertrauen und den eigenen Stärken beschäftigen, sagt Aline Prigge © M. Wilhelm für Hubert Burda Media

„Es ist wichtig, dass wir Frauen Vorbilder sind und uns auch für den weiblichen Nachwuchs einsetzen“, sagt Vida Brychcy © M. Wilhelm für Hubert Burda Media

Redakteurin Aline Prigge und Vida Brychcy (Director Product & Engineering Chip) sprachen im Interview darüber, warum Vorbilder für Frauen in technischen Führungspositionen so wichtig sind © M. Wilhelm für Hubert Burda Media

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