Interview
04.04.2024

Melanie Dischler, wie jongliert man Job und Leidenschaft?

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Ob für die eigene Hochzeit, die der besten Freundin oder den Abschlussball – "Mellies Brautmode" ist ein Second-Hand-Shop für Frauen, die nachhaltig und günstig nach dem perfekten Kleid suchen. Seit fünf Jahren berät Melanie Kundinnen in einem kleinen Fachwerkhaus in Kehl-Kork. Ihren Laden hat sie sich neben ihrer Haupttätigkeit als Bildredakteurin aufgebaut. Über einen Alltag zwischen Bildschirm und Brautkleid.

Melanie, warum Brautmoden?

Melanie: Schon als kleines Mädchen wollte ich mein eigenes Lädchen haben und spielte gern Verkäuferin. Später interessierte ich mich immer mehr für Kleider, weil sie unsere Weiblichkeit zum Ausdruck bringen. Gerade Brautkleider gibt es in den unterschiedlichsten Stilen, Designs und mit Details, durch die jede Braut ihre Persönlichkeit ausdrücken kann. Außerdem ist Brautmode mit einem besonders emotionalen Ereignis verbunden. Hochzeiten zu begleiten ist für mich etwas Besonderes.

Du bist seit 18 Jahren Bildredakteurin. Was begeistert dich an deiner Arbeit?

Melanie: Ich liebe es, Geschichten zu erzählen – nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern. Das Bild ist das Vehikel, um Leser:innen in eine Geschichte hineinzuziehen. Es ist das Erste, was ihnen in den Blick fällt und entscheidet oft darüber, ob eine Geschichte gelesen wird oder nicht. Ein Bild muss Neugierde wecken. Meine Aufgabe ist es, die Bilder zu finden, die diese Begeisterung weckt. Das bringt mehr Verantwortung mit sich, als man vielleicht vermutet. Genau das macht es für mich spannend.  

Aber trotzdem hat dir irgendwas gefehlt. Wieso ein zweiter, zusätzlicher Job?

Melanie: Ich würde nicht behaupten, dass mir etwas gefehlt hat. Ich brauchte keinen zweiten Job. Ich liebe meine Arbeit in der Redaktion. Besonders, weil ich mich nach vielen Jahren bei der Lisa sehr gut auskenne. Ich verstehe unsere Zielgruppe und weiß, mit welchen Inhalten ich sie begeistern kann. Mein Arbeitsalltag ist routiniert, das gibt mir Sicherheit und auch Kraft, in anderen Lebensbereichen Neues auszuprobieren. Wie etwa meinem Traum eines eigenen Brautmodengeschäfts nachzugehen, den ich schon seit Jahren hege. Die Stabilität durch meinen Job bei Burda gepaart mit der Aufregung des Neuen ist für mich die ideale Mischung. Wäre es nicht das Brautmodengeschäft geworden, dann vielleicht ein neues Hobby.

Wann hast du dich entschieden, deine Idee zu verwirklichen?

Melanie: Am Anfang war es nur ein Gedanke, der irgendwann immer konkreter wurde. Als mein Sohn, den ich jahrelang allein erzogen hatte, älter und selbstständiger wurde, hatte ich wieder mehr Zeit für eigenen Träume - auch für den vom eigenen Geschäft. Dass es ein Modegeschäft werden würde, war nicht geplant. Das hat sich eher durch meine Arbeit bei Burda entwickelt: In der Lisa schreiben wir über Mode, Beauty und Nachhaltigkeit. Ich beschäftige mich intensiv mit diesen Themen und bin so immer am Puls der Zeit. Unbewusst habe ich mir dadurch Expertenwissen angeeignet. Ich habe bemerkt, dass Second-Hand für Konsument:innen immer relevanter wird. Im Jahr 2019 habe ich viel Marktforschung betrieben und festgestellt, dass es hier in der Ortenau noch kein Second-Hand-Brautmodengeschäft gibt. Was nicht heißt, dass es nicht bald eines geben könnte. Als dann meine Mieterin im Erdgeschoss auszog und in meinem Fachwerkhaus Platz für den Laden war, stand für mich fest: Ich muss die Erste sein, um Erfolg zu haben. Also habe ich Nägel mit Köpfen gemacht.

Eine Gründung ist oft anstrengend und man stößt an seine eigenen Grenzen. Hast du je daran gedacht, aufzugeben?

Melanie: Aufgeben kam für mich nie in Frage. Was nicht heißt, dass ich anfangs keine Zweifel hatte. Zweifel sind normal und gehören dazu, wenn man ins kalte Wasser springt. Ich hatte Dutzende Fragen und wusste, dass ich mich erst in das Thema einarbeiten muss: Wie mache ich mich überhaupt selbstständig? Was muss ich beachten und wie hole ich mir das nötige Know-how? Doch zum Glück sind das alles Dinge, die man lernen kann. Man muss sich nur Zeit dafür nehmen. Leichter gesagt als getan.

Ich hatte oft Angst zu scheitern, alles unter einen Hut zu bekommen: meine Familie, die Gründung, meinen Laden und meinen Job bei Burda. Ich wollte unter keinen Umständen, dass mein eigentlicher Hauptberuf darunter leidet, holte mir auch das Go von meiner Vorgesetzten. Ich wollte in beidem mein Bestes geben. Die Tatsache, dass ich nur zu 80 Prozent bei Burda beschäftigt bin, hat mir dabei sehr geholfen. So konnte ich mich in meiner Freizeit guten Gewissens auf mein Brautmodengeschäft konzentrieren. Trotzdem musste ich während der Gründung Abstriche machen. An vielen Abenden und Wochenenden war ich nur mit Kalkulierungen und meinem Business Plan beschäftigt.

Es war anstrengend, aber nicht unmöglich. Selbst als kurz nach der Eröffnung die Corona-Krise ausbrach - mit Lockdown im Einzelhandel, zudem ich ja gehöre und ohne Hochzeiten - habe ich mich nicht unterkriegen lassen. Ich war überzeugt, dass ich das schaffe.

Mellies Brautmode“ gibt es jetzt seit fünf Jahren. Hat sich der Aufwand rückblickend gelohnt?

Melanie: Auf jeden Fall. Das wusste ich in dem Moment, als das erste weiße Brautkleid über die Stange in den leeren Raum ging. Als ich das sah, wusste ich, dass mein Traum jetzt Realität ist. Mein kleiner Traum in Weiß. Jetzt hängen da ganz viele Kleider. Mein Job dort erfüllt mich jede Woche: Ich liebe es, persönlich zu beraten und Menschen glücklich zu machen. Ich habe zwar einen zusätzlichen Job, aber es fühlt sich nicht nach Arbeit an. Es ist vielmehr wie mein persönliches Yoga. Es gibt mir mehr Energie, als es mir nimmt.

Du sagst, dass Brautkleider mit großen Emotionen verbunden sind. Warum dann ein gebrauchtes Kleid statt eines Neuen?

Melanie: Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es kaum Fachgeschäfte für gebrauchte Brautkleider. Ein Hochzeitskleid aus zweiter Hand? Für viele Frauen früher undenkbar. Doch jede Frau, die schon einmal geheiratet hat, weiß auch, dass das Kleid – so schön es auch ist – danach in der Regel im Schrank verstaubt. Dafür ist es schlichtweg zu schade (und oft zu teuer).

Heutzutage ist das anders: Nachhaltigkeit gewinnt für Käufer:innen immer mehr an Bedeutung. Second-Hand wird nicht belächelt, sondern sogar befürwortet. Es spricht so viel dafür: Bräute können nach der Hochzeit ihre Haushaltskasse aufbessern, einer zweiten Braut zum Glück verhelfen und das schöne Kleid bekommt eine weitere Gelegenheit zum Glänzen.  

Also: Empfiehlst du, zu gründen?

Melanie: Auf jeden Fall. Man muss aber für seine Sache brennen. Gründen ist anstrengend und macht viel Arbeit. Diese Zeit und Mühe investiert man nur, wenn man wirklich hinter dem steht, was man tut. Wenn du das hast, kann ich nur raten: Habe den Mut, den Schritt zu wagen. Vertraue dir selbst. Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch.

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Mellie mit einem Lächeln auf den Lippen inmitten von wunderschönen Kleidern in ihrem charmanten Brautgeschäft in Kork © Iris Rothe

Ihr Sohn Nico steht Mellie bei allem tatkräftig zur Seite © Iris Rothe

Das Brautmodengeschäft befindet sich in einem charmanten Fachwerkhaus inmitten der schönen Ortenau © Iris Rothe

Accessoires dürfen bei einer Hochzeit natürlich nicht fehlen © Iris Rothe

Neben Brautkleidern verkauft Melanie auch klassische Kommunionskleider und Kleider für geladene Gäste © Iris Rothe

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