Interview
30.10.2018

„Nimm’ dir Zeit, um dich selbst kennen zu lernen”

Interview
30.10.2018

„Nimm’ dir Zeit, um dich selbst kennen zu lernen”

Der beste Weg, seine Karriere zu starten? Sich von Vorbildern, die schon erfolgreich in ihrem Job sind, etwas abschauen. In unserer Interview-Serie haben Volontärinnen der Burda-Journalistenschule die Chance dazu. Dieses Mal trifft Nina Weber Eleni Siakagianni, Director of Engineering bei Cliqz und spricht mit ihr über die Bedeutung von Diversität und Vielfalt, weibliche Chefs und eine Welt ohne Arbeit.

Nina: Du arbeitest in einem jungen Tech-Unternehmen. Wie sieht Dein Arbeitsalltag bei Cliqz aus?

Eleni: Bei meiner Arbeit spielen hauptsächlich drei Aspekte eine Rolle: In erster Linie verbringe ich viel Zeit mit Gesprächen. Zweitens ist es in meinem Job sehr wichtig, Probleme zu verstehen, zu überlegen, was wir als nächstes machen wollen und neue Ideen zu entwickeln. Der dritte Aspekt, dem ich immer versuche, Raum zu geben, ist, Neues dazuzulernen: entweder über neue Technologien und Trends, Geschäftsideen oder Strategien oder Neuigkeiten aus der Branche.

Cliqz hat als Startup begonnen. Du bist früh dazugekommen und hast das Unternehmen wachsen sehen – würdest Du sagen, dass Cliqz immer noch ein Startup ist? Wie würdest du die Atmosphäre beschreiben?

Ja, meiner Ansicht nach ist Cliqz immer noch ein Startup. Die Definition eines Startups, so wie ich es sehe, ist, dass es sich stark auf Innovationen konzentriert und den Status Quo herausfordert. All das trifft auf Cliqz zu. Aber gleichzeitig denke ich auch, dass wir über die Jahre reifer geworden sind als Unternehmen. Das sieht man, wenn man sich die Prozesse und Arbeitsweisen anschaut. Dies hat Vor- und Nachteile. Vieles ist jetzt besser organisiert und planbarer. Aber das verändert gleichzeitig auch die Atmosphäre im Unternehmen. Die Leute zögern eher, etwas Neues auszuprobieren, aus Furcht, Fehler zu machen und Schaden anzurichten. Was sich nicht geändert hat, ist, dass wir sehr flache Hierarchien haben.

Was hat Dein Interesse am Programmieren und Entwickeln von Software geweckt?

Das war reines Glück (lacht). In der Schule war ich eine gute Schülerin, aber ich hatte kein Lieblingsfach. Und ich wusste, dass ich nicht Ärztin oder Anwältin werden wollte oder etwas Anderes, was gute Schülerinnen ‚normalerweise’ machen. Ingenieurwesen erschien mir als die nächstbeste Wahl. Außerdem gab es an meiner Schule einen Schwerpunkt ‚Elektro- und Computertechnik’ mit einem sehr abwechslungsreichen Lehrplan. Informatik war auch dabei. So habe ich mit dem Programmieren angefangen. Und es hat mir wirklich Spaß gemacht.

Hast Du ein Vorbild oder jemanden, zu dem du aufschaust?

Verschiedene Menschen haben mir unterschiedliche Dinge beigebracht. Das betrifft auch meine Kollegen bei Cliqz. Wir haben hier viele sehr talentierte Leute. Manche von ihnen schätze ich sehr wegen ihrer Fähigkeiten als Ingenieure, einige sind tolle Manager und andere sehr gut im Organisieren. Ich versuche mich an ihnen zu orientieren und von ihnen zu lernen. Leider habe ich noch nie für eine Frau gearbeitet. Ich hätte gerne einmal eine Frau als Chefin. Ich bin der Ansicht, dass Diversität in Teams generell zu mehr Vielfalt beiträgt und wichtig ist, um bessere Entscheidungen zu treffen.

Wurde Deine Arbeit je in Frage gestellt, weil du eine Frau bist?

Nicht auf eine für mich offensichtliche Weise. Aber wenn ich merke, dass sich Leute mir gegenüber anders verhalten, weil ich eine Frau bin, stelle ich sie meistens direkt zur Rede. Zum Beispiel hat mich einmal jemand als „dominant“ bezeichnet. Und ich habe gesagt: „Du würdest mir das nicht sagen, wenn ich ein Mann wäre. Denk’ mal darüber nach.“ Diese Rückmeldung kam gut an.

Sprechen wir noch ein bisschen über Geschlechterfragen: Dein Arbeitsfeld ist immer noch von Männern dominiert. Was zeichnet dich in diesem Umfeld aus? Denkst du, dass Frauen sich immer noch mehr anstrengen müssen, um ihre Ziele zu erreichen?

Das stimmt, mein Arbeitsfeld ist männlich dominiert und was mich auszeichnet, ist meiner Ansicht nach tatsächlich, dass ich eine Frau bin. Vielfalt ist gut für Teams und eine Frau in einem von Männern dominierten Umfeld zu sein kann etwas Positives sein. Dass ich eine Frau bin, ist deshalb so etwas wie mein Alleinstellungsmerkmal (lacht). Ob ich denke, dass Frauen sich immer noch mehr anstrengen müssen? Ich bin nicht sicher. Aber es ist generell nicht einfach, einer Minderheit anzugehören oder als Person nicht ‚selbstverständlich’ zum Rest der Gruppe zu passen. In einer solchen Position zu sein heißt oft, sich mehr anstrengen zu müssen.

Du leitest ein Team von Ingenieuren. Wie kam es dazu? Ist eine Führungsrolle etwas, was Dir besonders leichtfällt?

Ja, ich denke schon, dass es mir leichtfällt, aber das heißt nicht, dass damit keine Arbeit verbunden ist. Ein Vorteil ist für mich, dass ich gut mit Menschen umgehen kann. Was eine Führungsrolle für mich allerdings ein bisschen schwieriger macht, ist, dass ich introvertiert bin. Es kostet mich manchmal mehr Überwindung als andere, auf Menschen zuzugehen und Dinge anzusprechen. Ich habe aber gelernt, dass ich in dieser Hinsicht meine Komfortzone verlassen muss. Nichts geschieht von selbst. Wenn ich will, dass etwas passiert, dann muss ich auch etwas dafür tun – so einfach ist das. Eine gute Führungspersönlichkeit zu werden und zu bleiben erfordert beständigen Einsatz und Übung. Das ist etwas, woran ich kontinuierlich arbeite.

Heutzutage reden alle über die Zukunft der Arbeit. Wie sieht diese deiner Ansicht nach aus?

Es gibt da zwei Gesichtspunkte: In erster Linie stellen jüngere Leute – mich selbst eingeschlossen – die Arbeit viel stärker in Frage. Und allein dadurch, dass man sich fragt, warum man arbeitet und was man von seiner Arbeit will, entsteht eine völlig andere Haltung. Diese Haltung verändert die Art und Weise, wie die Leute nach Jobs suchen, die Art der Arbeit, die sie interessiert und die Art von Arbeitsplatz, die sie sich wünschen. Und dies ist auch ein Grund dafür, warum sie häufiger den Job wechseln. Der zweite Aspekt ist die technologische Seite. Viele Experten thematisieren die großen Auswirkungen, die künstliche Intelligenz auf die Arbeit haben wird. Sie reden darüber, welche Jobs KI in Zukunft alle übernehmen könnte. Wäre es nicht faszinierend, wenn man eine Welt erschaffen könnte ohne die Notwendigkeit der Arbeit? Eine Welt, die allen ein angemessenes Einkommen garantiert – auch unabhängig eines konkreten Jobs – und Menschen so zum Beispiel die Möglichkeit gibt, mühelos Dichter oder Musiker zu werden, klingt wie ein Paradies. Aber man kann natürlich auch leicht eine dystopische Zukunft heraufbeschwören, wie man sie aus Filmen kennt. Die erste Möglichkeit hat allerdings einen wirklichen Reiz für mich.

Welche Eigenschaft hat dir in deiner Karriere am meisten geholfen?

Ich arbeite hart. Ich mag meine Arbeit. Ich fühle mich verantwortlich. Und es ist mir wichtig, gute Arbeit abzuliefern. Das ist das Eine. Mindestens genauso wichtig ist für mich aber Authentizität! Wenn die Leute das Gefühl haben, dass man ihnen gegenüber authentisch ist, wissen sie das zu schätzen und sind einem selbst gegenüber auch authentisch – zumindest ist das meine Erfahrung. Das heißt: Bleib’ dir selbst treu!

Ich bin froh, dass du das sagst, weil ich das Gefühl habe, dass uns – Frauen insbesondere – manchmal beigebracht wird, uns an bestehende Strukturen anzupassen, um in unseren Jobs befördert zu werden. Deshalb denke ich, dass es sehr wichtig ist, authentisch zu sein und zu bleiben.

Hast Du eine Erfahrung gemacht, von der die nächste Generation lernen könnte?

Ja. Aber nur, weil etwas für mich ein nützlicher Lernprozess war, heißt das nicht, dass es für alle gut ist, nicht wahr? Ich denke, wir müssen alle unsere eigenen Erfahrungen sammeln. Mich selbst und meine Stärken und Schwächen kennenzulernen hat mir sehr geholfen. Das ist etwas, was ich in jedem Fall empfehlen kann: Nehmt euch Zeit, um Euch selbst kennen zu lernen.

Und: Ergreift Chancen, wenn sie sich bieten! Auf den ersten Blick sieht es vielleicht nicht leicht aus, aber es lohnt sich. Als ich zum Beispiel nach Deutschland gezogen bin, war das ein großer Schritt für mich. Aber wenn ich gewollt hätte, hätte ich damals auch in meine Firma in Griechenland zurückkehren können. Ich hatte also nicht viel zu verlieren.

Apropos Neues wagen: Du hast auch ein Startup mit dem Namen Business Crush, oder? Erzähl’ mir davon.

Ich habe Business Crush gemeinsam mit zwei Kolleginnen an der Burda Journalistenschule gegründet. Es ist ein Workshop-Event für junge Frauen am Beginn ihrer Karriere. Die erste Veranstaltung fand im April dieses Jahres statt. Wir haben fünf Coaches eingeladen, die den Workshop-Teilnehmerinnen Strategien für Gehaltsverhandlungen, Networking und das Finden einer guten Work-Life-Balance beibrachten. Wir setzen uns dafür ein, jungen Berufseinsteigerinnen zu helfen, weil wir wissen, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind. Daher kam die Idee, mit Rollenvorbildern zusammenzuarbeiten, die uns vermitteln können, was sie selbst aus Erfahrungen gelernt haben. Und das Konzept ging sehr gut auf. Wir haben viel gutes Feedback von den jungen Frauen und den Coaches bekommen. Wir hoffen, unsere Business Crush-Events in Zukunft fortsetzen zu können.

Das klingt toll. Was war dir bei der Planung des Events wichtig?

Wesentlich war für mich, nicht nur mit weiblichen Coaches zusammenzuarbeiten. Weil Vielfalt, wie du vorhin gesagt hast, immer vorteilhaft ist. Und besonders bei Gehaltsverhandlungen ist das Gegenüber oft ein Mann. Daher hielten wir es für wichtig, für den Verhandlungsworkshop einen männlichen Coach zu haben.
Meiner Erfahrung nach geht es bei vielen Karriereveranstaltungen für Frauen darum, dass Frauen mit Frauen sprechen. Und ich denke, das ist ein Fehler! Wir sollten Männer in die Diskussion mit einbeziehen und keine Stimmung gegen sie machen.

Da stimme ich zu. Was war das Wichtigste, was du als Gründerin bisher gelernt hast?

Ich bin freue mich sehr über das positive Feedback, das wir bekommen haben! Viele Unternehmen – und sogar Schulen – haben Interesse an Kooperationen. Und viele junge Frauen waren auf der Suche nach Workshops wie diesem und bereit, ein Ticket für die Teilnahme an unserem Event kaufen. Das motiviert mich sehr! Gelernt habe ich, dass es eigentlich ziemlich einfach ist, Frauen zusammenzubringen und sie zu ermutigen und zu unterstützen.

Eleni Siakagianni hält ein Diplom in Electrical & Computer Engineering der Nationalen Technischen Universität Athen. Nach ihrem Studienabschluss hat sie als Software-Entwicklerin bei European Dynamics S.A. projektbasierte Software für den europäischen öffentlichen Sektor entwickelt, bevor sie 2011 zu Cliqz nach München gekommen ist. Seit August 2014 ist sie dort Director of Engineering und leitet ein Entwickler-Team. Eleni glaubt an Aliens und ist ein großer Fan von Cookies.

Nina Weber hat Kommunikationsmanagement in Osnabrück studiert. Sie war Volontärin im Jahrgang 2016-2018 der Burda Journalisten Schule mit der Stammredaktion Elle und weiteren Stationen bei Lust auf Genuss und mylife.de. Während dieser Zeit hat sie mit zwei weiteren Volontärinnen Business Crush gegründet – ein Workshop-Format für junge Frauen am Anfang ihrer Karriere. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Volontariats ist Nina nun Redakteurin bei Lust auf Genuss.

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Weitere Impressionen & Downloads

Nina Weber Volontärin bei der Burda Journalistenschule © Marian Wilhelm

Volontärin Nina Weber im Interview mit Eleni Siakagianni, Director of Engineering bei Cliqz © Marian Wilhelm

Volontärin Nina Weber im Interview mit Eleni Siakagianni, Director of Engineering bei Cliqz © Marian Wilhelm

Eleni Siakagianni, Director of Engineering bei Cliqz und Volontärin Nina Weber © Marian Wilhelm

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