Interview
02.05.2018

„Traut euch etwas zu und macht es einfach“

Interview
02.05.2018

„Traut euch etwas zu und macht es einfach“

Der beste Weg, seine Karriere zu starten? Sich von Vorbildern, die schon erfolgreich in ihrem Job sind, etwas abschauen. In einer neuen Interview-Serie haben Volontärinnen der Burda-Journalistenschule die Chance dazu. Sie treffen erfolgreiche Burda-Frauen und sprechen mit ihnen über Karriere, den digitalen Wandel und Frauen in der Arbeitswelt. Zum Auftakt haben sich Aliz Tepfenhart und Marisa Gold miteinander unterhalten.

Aliz Tepfenhart ist Geschäftsführerin von Burda Digital und gilt als E-Commerce-Expertin, die schon früh das Potential des Online-Handels erkannt hat. Nach diversen Geschäftsführer-Positionen innerhalb der Otto Group wechselte sie vor drei Jahren zu Burda und verantwortet seitdem erfolgreich die Geschäfte der Multichannel-Händler Cyberport und Computeruniverse.

Marisa Gold steht am Anfang ihrer Karriere als Journalistin. Nach ihrem Studium der Ethnologie und Medienwissenschaft ist die 25-Jährige seit 2017 Volontärin bei der Zeitschrift Freundin. Sie hat einen zwei Jahre alten Sohn und betreibt den Podcast „Supermuddis“, der die Vereinbarkeit von Kind und Beruf thematisiert. Im Interview spricht die Burda-Journalistenschülerin mit Aliz Tepfenhart über weibliche Führungskräfte, Physik-Hausaufgaben und darüber, warum eine enttäuschende Erfahrung für die Geschäftsführerin das Beste war, was ihr passieren konnte.

Marisa Gold: Wie würden Sie einem Kindergartenkind Ihren Job erklären?

Aliz Tepfenhart: Meine fünfjährige Tochter fragt mich immer: „Was machst du den ganzen Tag im Büro?“ Ich sage: „Mami verkauft Computer über Computer und dann kommt der Postbote und bringt die Pakete“. Cyberport ist der drittgrößte Online-Elektronik-Händler Deutschlands. Durch eine individuell auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Software, können wir unsere Kunden optimal beraten – das hilft vor allem bei anspruchsvollen Produkten wie z.B. Notebooks.

M.G.: Haben Sie sich schon immer für Technik interessiert?

A.T.: Mit 14 haben wir in der Schule angefangen zu programmieren. Ich war auf einem Mathe-Physik-Gymnasium und dort haben wir mit Lochkarten gearbeitet und Programme in alten Programmiersprachen wie Fortran, Turbo Pascal oder BASIC geschrieben – zum Beispiel für unsere Physik-Hausaufgaben. Es war viel spannender, ein Programm zu schreiben, das die Aufgaben rechnet, anstatt vier Stunden lang selber Hausaufgaben zu machen. Die logische Denkweise, die ich zum Beispiel durch das Malen eines Fortran-Baumes gelernt habe, hilft mir heute noch - beim Strukturieren von Problemen.

M.G.: Woher kam dieses Interesse?

A.T.: Ich fand Naturwissenschaften schon als Kind cool und logisch. Ich bin in Siebenbürgen geboren und in der Kindheit waren Mathematik und Physik sehr spannend für mich. Viele andere Fächer waren vom Kommunismus zensiert. Mathematik ist immer ehrlich.

M.G.: Muss man für digitale Innovationen mutig sein?

A.T.: Mutig? Denke ich nicht. Man muss neugierig und hungrig auf Neues sein. Wir machen bei Cyberport und Computeruniverse sehr viele Proof of Concepts, das heißt wir setzen ein paar Entwickler ein und testen, ob etwas funktioniert. Wenn ja – ausrollen! Wenn nicht – Neues probieren! Das ist das Wesen von digitalen Innovationen: So viele Möglichkeiten, wie es nur geht, auszuprobieren. Auch neue Dinge, die total verrückt klingen. Wir können im Vorfeld nicht alles analysieren oder abschätzen.

M.G.: Bei erfolgreichen Leuten sieht man oft den Lebenslauf und denkt sich „Das schaffe ich nie“. Ein Princeton-Professor, Johannes Haushofer, hat mal einen „CV of Failure“ veröffentlicht, in dem steht, was ihm alles nicht gelungen ist. Gab es bei Ihnen einen Moment des Scheiterns?

A.T.: Des Scheiterns nicht, aber der Enttäuschung. Als ich Marketingleiterin bei Küchen Quelle war, hat man mir angeboten, als Einkäuferin Karriere zu machen – was damals im Versandhandel DER Job war. Ich wurde geschult, habe ein Jahr lang ohne zusätzliche Bezahlung beide Jobs parallel gemacht, weil mein Vorgänger krank geworden ist. Nur um dann zu erfahren, dass sie die Stelle doch einem Mann gegeben haben.

M.G.: Warum glauben Sie, hat er den Job bekommen und nicht Sie?

A.T.: Weil er ein Mann war. Das hat man mir damals klar gesagt. Der Versandhandel war damals eine Männer-Domäne, da war ich sowieso schon der rosa Elefant als junge Frau. Das war für mich wahnsinnig enttäuschend und das Vertrauen zur Führungskraft hatte ich völlig verloren. Ich habe dann gekündigt und mir wurde eine Stelle bei Quelle International angeboten. Nach zwei Monaten in der Projektleitung wurde ich in die Geschäftsleitung berufen. Letztendlich war das das Beste, was mir passieren konnte.

M.G.: Lebt es sich heute noch anders, als Frau in der Technik-Branche?

A.T.: Nein. Das fühlt sich zumindest nicht so an. Ich treffe viele Kolleginnen, auf den Messen sind zunehmend mehr Frauen, ebenso im Silicon Valley. Ich war lange Jahre in Osteuropa als CEO tätig, da sind Frauen ohnehin selbstverständlicher in den Führungspositionen als in Deutschland.

M.G.: Sollte es mehr Frauen in Führungspositionen geben?

A.T.: Definitiv, die Stimmung ist anders, wenn Frauen dabei sind. Ich glaube, die Mischung von Geschlechtern tut immer gut. Aber zum einen müssen die Frauen dafür bereit sein, zum anderen die Unternehmen. Eine Quote ist meines Erachtens kein Allheilmittel. Unternehmen müssen bereit sein, ihren Mitarbeitern Flexibilität anzubieten, sonst kann die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere nicht klappen. Mit der Digitalisierung haben wir alle Möglichkeiten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinzubekommen. Ich sehe Kolleginnen, die im Home Office deutlich mehr leisten, als wenn sie im Büro wären. Der Vertrauensvorschuss, den wir den Mitarbeiterinnen geben, zahlt sich so zurück.

M.G.: Und inwiefern müssen Frauen dafür bereit sein?

A.T.: Frauen neigen ja manchmal dazu, zu denken „Oh Gott, ich kann das nicht“ – obwohl sie die Anforderungen zu 80 Prozent abdecken können. Ein Mann sagt eher: „Selbstverständlich kann ich das“ – und deckt vielleicht nur 50 Prozent ab. Wir müssen uns von diesem Denken verabschieden. Ich sage darum jungen Frauen: Traut euch etwas zu und macht es einfach. Man muss nicht alles zu 100 Prozent erfüllen. 80 Prozent reichen sehr häufig, um schnell Dinge zu bewegen.

M.G.: Ich habe einen zweijährigen Sohn. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht bei ihm bin, sondern arbeite und umgekehrt auch. Kennen Sie das?

A.T.: Versuchen Sie, es sich abzugewöhnen! Ich kenne das selbst, aber irgendwann wird es besser. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf. Kinder brauchen unterschiedliche Einflüsse. Seit meine Tochter in den Kindergarten geht, hat sie sich wahnsinnig entwickelt und ist viel selbstbewusster geworden. Es ist wichtig, Kindern Liebe zu geben, aber sie brauchen keine Gluckenmutter. In der Arbeit dagegen muss man einfach sagen: „Ich gehe jetzt“. Ich organisiere mir die Abende so, dass ich meistens meine Tochter ins Bett bringe. Das weiß jeder und man kann es so planen. Nach 20:30 Uhr bin ich gerne wieder erreichbar.

M.G.: Gibt es etwas, das Sie jungen Berufseinsteigerinnen wie mir raten würden?

A.T.: Nicht darüber nachdenken, wie man Karriere machen kann, sondern sich mit Dingen beschäftigen, auf die man Lust hat. Und diese dann gewissenhaft machen. So entstehen die besten Ergebnisse. Es ist wichtig, für eine Sache zu brennen und zu versuchen, sie gut zu machen. Sei neugierig und habe Demut vor der Aufgabe! Es ist nicht selbstverständlich, Chancen zu bekommen. Das sollte man mit guter Leistung honorieren. Geht die Extrameile!

M.G.: Worauf achten Sie bei Bewerbern am meisten?

A.T.: Begeisterung für die Sache finde ich am Wichtigsten. Enthusiasmus finde ich inspirierend. Die Aufgabe und das Gegenüber mit Respekt begegnen finde ich elementar. Wer nicht neugierig ist, kann meines Erachtens in der digitalen Welt nichts bewegen.


Aliz Tepfenhart hat Betriebswirtschaftslehre in Ravensburg studiert und als Marketingleiterin bei Küchen Quelle gearbeitet. Anschließend war sie bei Quelle International in der Geschäftsführung für Rumänien, Ungarn und Kroatien zuständig. 2009 wurde sie von der Otto Group als CEO für Quelle Russland entsendet bevor sie ab 2013 die Geschäftsführung des Versandhändlers Baur übernahm. Seit 2015 ist Aliz Tepfenhart Geschäftsführerin von Burda Digital und verantwortet unter anderem die E-Commerce-Händler Cyberport und Computeruniverse. Sie ist auch im Aufsichtsrat von Holidaycheck vertreten.

Marisa Gold ist Volontärin an der Burda Journalistenschule im Jahrgang 2017-2019. Ihre Stammredaktion ist das Magazin Freundin. Sie hat in Tübingen Medienwissenschaft, Ethnologie mit dem Schwerpunkt Naher Osten und Arabisch studiert.

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Seit 2015 ist Aliz Tepfenhart Geschäftsführerin von Burda Digital und verantwortet unter anderem die E-Commerce-Händler Cyberport und Computeruniverse

Marisa Gold ist seit 2017 Volontärin an der Burda Journalistenschule mit Stammredaktion Freundin

„Nicht darüber nachdenken, wie man Karriere machen kann, sondern sich mit Dingen beschäftigen, auf die man Lust hat“, rät Aliz Tepfenhart Berufseinsteigerinnen

Aliz Tepfenhart

Marisa Gold

Karriere und Familie, Programmiersprachen und Tipps für Bewerber: Darüber sprach Volontärin Marisa Gold (Freundin) im Interview mit Aliz Tepfenhart (Burda Digital)

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