Eatbetter
15.10.2020

„Wir müssen Verpackungs-Plastik reduzieren“

Dr. Axel Kölle ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren in Forschung, Lehre, Weiterbildung und Beratung mit dem Thema Nachhaltiges Wirtschaften. Anfang 2009 gründete Dr. Axel Kölle mit Dr. Christian Geßner an der Universität Witten/Herdecke das ZNU-Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung mit dem Ziel, Ergebnisse der anwendungsorientierten Nachhaltigkeitsforschung für v.a. mittelständische Unternehmen greifbarer und messbar zu machen und Führungskräfte für das Thema zu begeistern. Im Expertenrat zu Eatbetter bringt er seine Einschätzungen zu einem nachhaltigeren Lebensstil ein. Am Freitag, 23.10., referiert er in der Eatbetter-Videosprechstunde von 12.00 bis 12.30 Uhr über das Thema „Nachhaltigkeit im Alltag“.

Was sind die wichtigsten Kriterien Ihres „ZNU-Standard Nachhaltiger Wirtschaften“?

Unser mit der Wirtschaft und Wissenschaft entwickelter, ganzheitlicher ZNU-Standard umfasst alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales – und fokussiert darüber hinaus auch eine nachhaltige Unternehmensführung. Dieser Ansatz ist einzigartig, international anwendbar und von unabhängig dritter Seite zertifizierbar. Wir unterstützen Unternehmen dabei, bei Themen wie z.B. Klimaschutz, Verpackungsoptimierung, mitarbeiterorientierte Maßnahmen oder nachhaltige Innovationen besser zu werden.  

Womit können Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit im Büroalltag beitragen?

Oft sind es Maßnahmen, mit denen zum einen die Beschäftigten sensibilisiert werden können und mit denen zum anderen eine recht hohe, nachhaltige Wirkung erzielt werden kann. Dies reicht von der Einsparung von Kopierpapier über das Ausschalten des Computerbildschirms bis hin zu nachhaltigeren Einkaufsrichtlinien für z.B. Stifte oder Schreibtische und es betrifft auch Reiserichtlinien oder Dienstwagenregelungen.

Wie können Firmen in ihren Kantinen für mehr nachhaltiges Wirtschaften sorgen?

Anfangen sollte man hier mit dem Kantinen-Equipment, wie werden Speisen zubereitet, erwärmt oder gekühlt sowie der Kantineneinrichtung – auch hier kann über nachhaltigere Beschaffungsrichtlinien z.B. der Bestuhlung, nachgedacht werden. Es sollte möglichst regional und saisonal eingekauft werden, mit Schwerpunkt Bio oder Fairtrade.

Ihr Tipp, um in der Firmen-Kantine auf nachhaltige Ernährung zu achten?   

Zuallererst muss das Essen gut schmecken und ausgewogen sein. Hierzu zählt eine gesunde Kombination aus Obst, Gemüse oder auch Fisch und Fleisch. Bei Fleisch gilt: Besser weniger und dafür eine höhere Qualität. Eine gute Kantine sollte auch vegetarische und vegane Mahlzeiten anbieten und mit innovativen, raffinierten Rezeptideen begeistern. Wichtig ist darüber hinaus auch der Einsatz von klimaneutralen Produkten und Zutaten.

Was kann der einzelne Mitarbeiter im Unternehmensalltag in Bezug auf Nachhaltigkeit verbessern?

Schritt für Schritt bewusster handeln – sei es in der Kantine oder im Kopierraum. Dazu gerne mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder Fahrgemeinschaften bilden (beides ist in Corona-Zeiten natürlich schwierig). Ansonsten einfach schauen, was in den einzelnen Aufgabenfeldern und Abteilungen möglich ist und gerne bereichsübergreifend denken.

Im Supermarkt gibt es eine Vielzahl von Etiketten und Labels, die Bio-Lebensmittel versprechen. Welche von denen erfüllen wirklich Öko- oder Nachhaltigkeits-Kriterien?

Die Flut von staatlichen oder privaten Labeln ist kaum noch zu durchschauen. Bewährte Label sind hier z. B. Bio oder besser noch Bioland/Demeter, Fairtrade oder auch der Blaue Engel – um einige zu nennen. Ein wirkliches, ganzheitliches Nachhaltigkeitslabel gibt es nicht, kann es aber auch kaum geben, wenn man an die Vielzahl der Themen denkt, welche sich bei einem ganzheitlichen Ansatz – wie ihn auch der ZNU-Standard verfolgt – ergeben. Hier ist sicherlich eher eine Art Barcode sinnvoller, über den die Verbraucherinnen und Verbraucher auf eine Landingpage geleitet werden, auf der Hersteller und Händler tiefergehend auf ihre Nachhaltigkeitsleistungen eingehen können.

Wo bekommen Verbraucher die besten regionalen, lokalen und auch saisonalen Produkte?  

Selber anpflanzen ist immer eine Alternative, diese Möglichkeit bietet sich vielen Menschen allerdings nicht. Und die benötigte Menge wäre sicher auch ein Problem. Grundlegend gibt es an Stadträndern oder auch Städten aber oft die Möglichkeit, über Hofläden oder den klassischen Marktstand entsprechende Ware einzukaufen. 

Apropos bewusster einkaufen: Welche importierten Obst- und Gemüsesorten oder Gewürze haben die schlechteste Öko-Bilanz und sollten möglichst selten oder gar nicht gekauft werden?

Wir kennen alle die Diskussionen um z.B. die Avocado mit hohem Wasserfußabdruck oder die Flug-Ananas mit entsprechendem CO2-Rucksack. Hier gilt zum einen, dies nicht per se zu verteufeln, vielmehr sollte man hier auf nachhaltigere Anbaumethoden achten und diese Lebensmittel bewusst seltener konsumieren als z.B. den einheimischen Apfel. Nichtsdestotrotz sind Avocado und Ananas köstliche Lebensmittel mit hohem, ernährungsphysiologischen Nutzen. Daran lassen sich gut auch die Zielkonflikte unterhalb der Nachhaltigkeitsdimensionen erkennen.

Viele Verbraucher wissen gar nicht mehr, welches Obst und Gemüse wann Saison hat und kaufen Erdbeeren im Winter. Wie kann man Kinder und Erwachsene da besser aufklären? 

In Kindergärten und Schulen muss hier sicherlich wieder mehr Aufklärung betrieben werden – gerne auch noch zu Themen wie Zubereitung von Speisen und generell einer bewussteren, genussvollen Ernährung. Ansonsten gibt es hier sehr gute und direkt beim Einkaufen abrufbare Übersichten via Smartphone z.B. von Verbraucherzentralen, Utopia oder auch den zuständigen Ministerien.

Eine Menge an Obst und Gemüse ist immer noch rundum in Plastik eingepackt. Was kann man als Verbraucher dagegen tun?

Grundsätzlich müssen wir unser Plastik reduzieren. Auch Verpackungsplastik. Nichtsdestotrotz dienen Verpackungen auch dazu, die Ware zu transportieren bzw. zu kennzeichnen (insbesondere auch Bioware) oder auch die Entstehung von Lebensmittelverlusten zu verhindern. Eine Gurke im „Plastikmantel“ ist ca. zwei Wochen länger haltbar. Wenn Sie dazu Statistiken sehen, wie häufig gerade Obst und Gemüse von den Konsumenten angefasst und nicht gekauft werden, so stellen sich Fragen nach nachhaltigeren Verpackungsalternativen. Auch hier sieht man gewisse Zielkonflikte und das Thema ist nicht nur eindimensional zu betrachten. Man braucht eine bessere Bedarfs- und Absatzplanung entlang der Wertschöpfungskette, insbesondere zwischen Handel und Lieferanten. Hier sollte seitens der Händler, Hersteller, aber auch der Politik in Richtung Verbraucher aufgeklärt werden.

Wer hat in puncto Nachhaltigkeit die beste Öko-Bilanz: Veganer oder Vegetarier? Und wie sieht Ihre ganz persönliche Genuss-Bilanz aus?

Eine Ökobilanz umfasst verschiedene sogenannte Wirkungskategorien, wie z.B. CO2-Emissionen, Wasserverbrauch, aber auch Eutrophierung oder Landnutzungsänderungen. Grundlegend kann man festhalten, dass tierische Produkte in der Regel eine höhere CO2-Bilanz haben als pflanzliche Produkte, bei Wasserverbräuchen kann dies schon wieder anders aussehen. Auch hier gilt es, verschiedenste Aspekte zu beachten und gegeneinander abzuwägen. Generell ist zu empfehlen, den Fleischkonsum etwas zu reduzieren. Ich persönlich setze dabei auf weniger und hochwertigere Fleischprodukte. Auch meine Familie wünscht eine ausgewogene und gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse aber auch Fisch und Fleisch. Und da ich bei uns zuhause der Koch bin, habe ich hierauf unmittelbaren Einfluss.

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Dr. Axel Kölle bringt im Expertenrat zu Eatbetter seine Einschätzungen zu einem nachhaltigeren Lebensstil ein © HBM

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